Ableiten von Fremdsprachen

Viele, die eine Fremdsprache sprechen oder verstehen leiten sich viel aus dem Kontext ab. Das ist an sich eine gute Sache, die ich zum Verständnis auch sehr empfehle. Immerhin gibt uns das Wort in dem bestimmten Zusammenhang ja einen groben Anhaltspunkt und unser Gehirn findet dann das fehlende Puzzlestück meist von allein.

Das bedeutet, man weiß noch nicht, was es eigentlich bedeutet. Im Bedeutungszusammenhang unserer Muttersprache bleiben dann aber meistens nur noch ein oder zwei Möglichkeiten und man sucht sich die passendere aus. Bisher ist alles optimal und ich empfehle auch das gesondert zu üben. Am besten eignet sich dazu ein Fachgebiet, das ihr in eurer Muttersprache schon sehr gut kennt, Autos, Fußball, Psychologie, Musik etc. Je besser ihr euch mit der Materie auskennt, desto leichter wird die Sache.

Das ist übrigens auch eine Möglichkeit, wie ihr euch in den Fachwortschatz in einer Fremdsprache sehr schnell einarbeiten könnt, ohne teure Kurse bei Spezialisten buchen zu müssen, die dann tausende von Euro im Monat kosten. Schnappt euch einfach die Fachliteratur und fangt an zu lesen. Wie immer gilt: Langsam anfangen. Eine einfach geschriebene Publikation für die breite Masse bietet meist einen guten Einstieg bei einem machbaren Schwierigkeitsgrad. Ihr solltet nur nicht erwarten, nach der ersten Ausgabe alles zu verstehen. Nach der zehnten wird die Sache dann schon ganz anders aussehen.

Dann könnt ihr einfach den Schwierigkeitsgrad steigern und so in relativ kurzer Zeit und mit wenig Geld, euch Fachwortschatz nachhaltig und schnell aneignen. Es bringt euch nichts, wenn ihr beispielsweise einen Intensivkurs für Business-Englisch für mehrere tausend Euro macht, dafür einen Monat Vollzeitunterricht auf euch nehmt und nach einem halben Jahr das Meiste wieder vergessen habt. Da ist es besser, ihr nehmt euch 3 Monate Zeit und arbeitet alle einschlägigen Publikationen in diesem Bereich durch. Dann bleibt euch auch mehr von diesem Wissen. Doch zurück zu den Gefahren.

Gefährliches Halbwissen

So viel zu den positiven Seiten des Ableitens, aber wie immer gibt es auch hier ein Caveat. Die Probleme fangen dann an, wenn die Leute die Sache einigermaßen verstehen. Dann passieren nämlich 2 Dinge:

1.) Sinnfehler
Was , wenn man ein Wort nicht kennt oder missversteht, an dessen Verständnis die Bedeutung des ganzen Textes hängt? In anderen Worten: Ihr lest einen Text, versteht fast allen und findet ein Wort, das ihr nicht kennt? Trägt dieses Wort jetzt eine negative oder eine positive Bedeutung? In diesem Fall habt ihr eine 50/50-Chance die Sache richtig zu machen oder komplett daneben zu liegen. Immerhin wisst ihr nicht, ob das jetzt so gemeint ist, oder ob man das Beschriebene nicht machen sollte. Das ist wie im Casino Roulette zu spielen. Rot oder schwarz. Wenn ihr für euch alleine lest, dann könnte ihr hier Detektiv spielen, in der Arbeit, wenn euer Kunde oder Verhandlungspartner etwas von euch will, dann rate ich davon ab, irgendetwas einfach abzuleiten.

2.) Passiv vs. aktiv
Viele glauben auch, dass dieses passive Verständnis beim Lesen oder Fernsehen in einem Fachgebiet, von dem sie viel Ahnung haben, automatisch auch aktives Wissen ist. Daher hier eine Warnung: Wenn jemand etwas lesen kann und es versteht, heißt das noch lange nicht, dass er auch den Inhalt selbst verfassen kann. Eigentlich logisch, oder? Wir alle haben schon Bücher gelesen, aber wer von uns hat sich so tiefschürfend mit der Materie auseinander gesetzt, dass er auch ein Buch geschrieben hat?

Ihr seht schon, worauf ich hinaus will. Wer passives Wissen mit aktivem Wissen gleichsetzt, kann sich nur heillos übernehmen. Hier ein paar Beispiele aus meiner Berufspraxis als Dolmetscher. Viele Experten, die ein Fachgebiet auf Deutsch perfekt beherrschen und die Dokumentation auch im Englischen lesen können, meinen oft, sie könnten genauso wie die Muttersprachler Texte schreiben und Vorträge halten. Dabei denken sie dann alles zuerst auf Deutsch und setzen den Fachwortschatz in der Fremdsprache ein.

Der Rest sind deutsche Konstruktionen, die die ausländischen Gäste natürlich nicht verstehen – oder hat schon mal jemand von euch einen Amerikaner einen Nebensatz dritten Grades identischer Bauweise wie im Deutschen benutzen sehen? In dieses Konstrukt werden dann Worte aus dem Deutschen in die Fremdsprache abgeleitet, was oft ziemlich seltsame Wortwahl und bisweilen auch Neologismen hervorbringt. Jeder, der schon mal deutsche Sportler oder Politiker englisch sprechen gehört hat, weiß, wovon ich rede.

Unterm Strich ist dieses Konstrukt einfach inkompatibel mit den Hörgewohnheiten des ausländischen Publikums. Darüber hinaus können falsche Ableitungen auch den Sinn des Textes verzerren. Wenn ihr das nicht merkt, dann erzählt ihr einfach die Unwahrheit, was ich im Umgang mit anderen nicht empfehlen würde. Wenn ihr es merkt, dann wird es entweder peinlich, weil ihr zugeben müsst, dass ihr euch übernommen habt oder ihr seid wieder gezwungen zu lügen und kommt aus der Sache nicht mehr raus. Also geht besser auf Nummer sicher. Benutzt das mit dem Ableiten zum Lernen, aber nicht zum Kommunizieren.

Daher sollte man niemals in die Fremdsprache ableiten, sondern sie besser so lernen, wie sie von den Muttersprachlern auch gesprochen wird.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß und Erfolg beim Ableiten aus der Fremdsprache.

Wolfgang Steinhauer

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