Warum unsere „Fremdsprachenkenntnisse“ oft nicht kompatibel mit den Muttersprachlern sind

Überall im Netz will einem ein anderer Polyglott zeigen, in wie vielen Sprachen er uns begrüßen kann. Die Zahl der scheinbar leichten Sprachlernkurse ist unüberschaubar groß. Doch was im Kleingedruckten nicht erwähnt wird, ist, dass alle diese Kurse es nicht schaffen, einem beizubringen, sich auch nur annähernd wie in der Muttersprache auszudrücken, von professionelle Anwendungen einmal ganz zu schweigen.

Wenn man sich einmal auf internationalen Konferenzen, Firmenevents, Messen oder Ähnlichem umsieht, findet man praktisch niemandem, mit dem man problemfrei in einer Fremdsprache sprechen kann. Man hat immer mit Akzenten und schwer verständlichen Strukturen zu kämpfen. Es ist fast so, als würden sich zwei Leute mit zwei starken Akzenten unterhalten und nur die Hälfte des anderen verstehen. Bayrisch, sächsisch, voralbergerisch, Schitzerdütsch, platt und der tiroler Dialekt mögen vielleicht alle zur deutschen Sprachfamilie gehören, unterscheiden sich aber in der Aussprache doch sehr voneinander – genau wie holländisch, schwedisch oder norwegisch.

Die eigentliche Frage

Das wirft eine Frage auf, die sonst nie gestellt wird: Wie sollen diese Leute sich denn ohne größere Probleme verstehen? Und ich spreche hier von „wirklich und richtig“ verstehen; vollständiger Inhalt, Wortwahl, Intention, Ironie und alles, was zwischen den Worten liegt, Ausdrucksfähigkeit, Eloquenz, Tonfall. Das Verbale macht in der Kommunikation nur 10 % aus, alles andere kommt von der Körpersprache und davon, wie wir klingen. Wer einen Dialekt nicht dekodieren kann, verpasst schon mal 90 % der gelieferten Information und kann sein Gegenüber gar nicht „lesen“ oder den Mensch hinter dem schwer verständlichen Dialekt verstehen.

Die überall vermittelten Fremdsprachenkenntnisse sind fast immer inkompatibel mit der tatsächlichen Sprache, wie sie von Muttersprachlern gesprochen wird. Sie lehren oft nur den landesspezifischen Dialekt, eine Neuschöpfung, die die meisten Strukturen der Ausgangssprache nimmt und einfach nur durch Kopieren und Einfügen das Vokabular aus einer Liste dort einfügt. Damit entstehen dann Dialekte wie Denglisch, Despagnol, Ditaliano und noch viele mehr.

Irgendwie schaffen es diese Sprachkurse auf der ganzen Welt nicht, uns eine Sprache so beizubringen, dass wir mühelos sprechen und zuhören können.

Der Hintergrund

Das Problem hierbei ist nämlich, in der anderen Sprache denken zu lernen. Wir werden vom Tag unserer Geburt an permanent in unserer Muttersprache konditioniert. Wenn wir unsere Gedanken formulieren, denken wir automatisch in den Strukturen unserer Muttersprache. Diese Strukturen sind aber in den seltensten Fällen dieselben wie in der Fremdsprache unserer Wahl. Nicht einmal in Englisch, das ja wohl jeder kann, oder etwa doch nicht? Wenn wir ehrlich sind, dann denken und formulieren wir doch alle immer in unserer Muttersprache und setzen einfach den Grundwortschatz in die Platzhalter ein.

Der Test

Um das zu testen gibt es eine einfache Möglichkeit. Nehmen Sie einen Text in einer Fremdsprache und lassen Sie den Google-Übersetzer seine Arbeit machen. Heraus kommt eine Wort-für-Wort-Übersetzung, ein sprachliches Gebilde, das manchmal schwer verständlich, aber in jedem Fall so nicht alltagstauglich oder druckreif wäre. So hören sich viele Leute an, wenn sie eine Fremdsprache sprechen.

Wenn wir jetzt alle nötigen Korrekturen vornehmen, erhalten wir einen Text, der grammatikalisch korrekt ist. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass das niemand so ausdrücken würde. Wenn Sie so weit gekommen sind, Glückwunsch. Damit haben Sie das Standardniveau einer Übersetzung erreicht und einen korrekten, aber manchmal auch schwer verständlichen Text produziert. Und was war noch gleich der Zweck von Kommunikation? Verstanden werden? Schade, Ziel verfehlt.

Selbstversuch gefällig?

Sie können hier auch einen Selbstversuch wagen, indem Sie einfach einen bereits übersetzten Text (deutsch) in die Ausgangssprache (Ihre Fremdsprache) zurück übersetzen. Sie werden sehen, welchen Unterschied das macht. Wer masochistisch veranlagt ist, kann sich dann noch vom Profi erklären lassen, was die deutsche Struktur (als Wortwahl, Satzbau, Definition, Konzepte) ist und wie ein Muttersprachler das stattdessen ausdrücken würde.

Wenn Sie den fremdsprachigen Text – egal ob den maschinenübersetzten oder den selbstgemachten — lesen und ohne hinzusehen, den Inhalt jemand anderem erzählen, werden Sie merken, dass Sie komplett losgelöst von den Strukturen des Ausgangstextes einfach nur die Botschaft mit derselben Argumentation in einer anderen Sprache erzählt haben und nach den Konventionen einer anderen Sprache aufbereitet haben. Wenn wir in unsere Muttersprache übersetzen, funktioniert das zumeist sehr gut, in die Fremdsprache tun wir uns damit allerdings schwer. (Das ist auch der Grund, warum viele Profis nur in die Muttersprache übersetzen.) Darum müssen wir, wenn wir eine Sprache gut sprechen und richtig verstanden werden wollen, formulieren wie ein Muttersprachler.

Und dazu müssen wir denken wie ein Muttersprachler. Schwierig? Nicht wirklich. Aber auch nicht ganz einfach. Dazu müssen wir umdenken. Wir müssen aufhören stupide Vokabel- und Grammatikübungen zu machen. Wir müssen aufhören Wort für Wort zu übersetzen. Wir müssen uns konditionieren wie in unserer Muttersprache – so wie wir das als Kinder schon gemacht haben. Denn die optimalen Resultate dieses natürlichen Sprachtrainings stellen wir jeden Tag aufs Neue unter Beweis. Und dann wird man auch problemlos verstanden.

Grüße, viel Erfolg und immer schön verbal fit bleiben!

Euer Wolfgang

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